Tourenbericht 2012

Durch die Nebel nach Avalon

von Jan

Montag 11.6.2012

Der abnehmende Mond zeigt der Sonne seinen Buckel. Im strahlenden Morgen ziehe ich Meeresdunst in die Nase. Ebbe riecht würzig. Ich fühle mich angekommen. Halifax früh um sechs, die Straßen leer. Zwischen den alten Häusern lässt sich der alte Geist der Company erahnen. Ich höre die Pferdewagen, sehe hoffnungsvolle Siedler die Stadt als Tor zur Neuen Welt durchqueren.

Die Neugierde nach Neuem hat sich gehalten bis zu den Neuschotten von heute. Ihre Aufgeschlossenheit machen meine Sprachbarriere wett. Ich kann neben Deutsch nur drei Worte Russisch, zwei auf Französisch, na und eines in dieser Sprach hier. Zänkju. Und: es kamen nicht alle von Schottland hierher. Bevor ich an Bord gehe, komme ich mit zwei Männern ins Gespräch, die mir in lustigem Deutsch ihre Wurzeln offenbaren, die nicht weit von meinen liegen.

Dann werfe ich meinen Seesack über den Seezaun der "Charisma", einer schönen Nautor's Swan 441. Und schon gehöre ich zu einer siebenköpfigen Crew aus viereinhalb Nationen. Heinz aus Österreich, Patrizia aus der Schweiz, Jaime auch, aber halb Spanier, Jean-Guy Franzose, Thorben und ich tatsächlich Deutsche, wie Constantin der Skipper, der wohl eher Weltenbummler ist. Zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte eines jeden möchte ich nicht weiter auf das soziale Experiment eingehen, das so ein Törn auch immer ist. Man lässt sich ein auf fremde Menschen, um zwei Wochen sich in ihre Hand zu begeben. Schnell kommt man näher an sie heran als an viele Kollegen, mit denen man sein halbes Arbeitsleben teilt. Und jeder gibt mehr her, als sich in einem Roman schreiben ließe. Aber eben nicht hier. Nur soviel, dass es funktionierte und ich mit jedem wieder in See stechen würde.

Halifax wird achtern kleiner und um uns ist ein Schauspiel in Grau mit permanentem Szenenwechsel. Nebel, kein Wind, wenig Wind, viel Wind, von hier, von dort, auch mal Sonne, selbstverständlich Regen. Wir hatten uns für's Küstensegeln entschieden und sind nicht raus zu der Titanic, die seit fast genau hundert Jahren ein paar Hundert Meilen östlich liegt.

Wir halten einen nordöstlichen Kurs, backbord liegt die von Buchten und Fjorden gegliederte Küste, rau und regelmäßig wie die Rinde einer alten Eiche. Ideal für Lobster und deren Fischer, die hier minenfeldartig ihre Reusen auslegen. Wir fahren die meiste Zeit maschinengetrieben Slalom um die Schwimmer.

Wir fahren nach Jeddore Habour, ein traumhaft friedlicher Fjord. Wie sehr der Eindruck täuscht, macht nur ein Blick in Wikipedia deutlich.

Von Eingeborenen keine Spur. Beziehungsweise sehen wir die blonde Sharon als solche, die uns freundlich im Restaurant bedient und dann an Bord bis zwei Uhr in der Nacht vom Leben hier berichtet. Man braucht schon einige Festmeter Kaminholz, um den Winter zu überstehen. Doch öffnet das Internet der jungen, selbstbewussten Frau die weite Welt und jede Bildung. Sie studiert hier - beziehungsweise im Netz - nach Feierabend Psychologie.


Dienstag, 12.6.2012

Der nächste Fjord, den wir entdecken, ist Liscomb Harbour. Wir machen längsseits an einem Arbeitsschiff fest. Ein paar kleinere Fischereifahrzeuge liegen noch am Steg. Als wir am folgenden Morgen erwachen, sind alle weg. Nur die Mannschaft des Bootes, an dem wir uns fest machten, wartet geduldig auf unser Erwachen. Als wir gefrühstückt haben, kehrt das erste Boot heim. Auf ihm drei Generationen Fishermen und zwei Kisten Hummer. Da fallen sechs Tiere für uns ab. Habe ich je so frische Meeresfrüchte gegessen?


Mittwoch der Dreizehnte

Wer will schon meiner Reise in jede Bucht und durch jede Tagebuchseite folgen? Wer hat da draußen im alltäglichen Leben die Zeit und die Muße? Spektakuläres muss her und am besten in schnell zu erfassenden Stichpunkten präsentiert werden. Na gut, ich gebe es zu, ich schreibe auch für mich. Vielleicht verkläre ich an der einen oder anderen Stelle, um meine Erinnerung aufzuwerten. Zum Beispiel die Farben.

Warum sind die kanadischen Farben weiß und rot? Der heutige Morgen bestach meine Augen mit dem Kontrast eines unergründlich tiefen Babyblaus und Platinsilber. Sachliche Betrachter könnten meinen, es handele sich um ein einziges Grau unter Blau. Aber die Strahlkraft des Himmels verlieh selbst dem Gestein einen Glanz und der Ozean quirlte quecksilbern. Selbst die wintergebeutelten Föhren changieren im ganzen Spektrum des Graus. Doch es ist Juni, da haucht selbst hier der Frühling schon ein zartes Grün.

An den Masten flattern Flaggen in Rot und Weiß. Inder habe ich gesehen, Asiaten, Schwarze und Weiße, Indianer nicht.


16.6.

Bei St. Peter's fädeln wir uns ins Binnenland ein, um Cape Breton mittig zu durchqueren. Weißkopfadler ziehen über dem Masttop ihre Kreise. Wir besuchen Bells Baddeck. Alexander Graham Bell war wohl selbst ein netter Weißkopfadler, sieht man mal von seinem Geschäftsgebahren ab.


17.6.

Mit zehn Knoten spült uns die Strömung aus dem Wald in die Cabot Strait. Ich sehe nur Himmel und Meer. Doch Wikipedia sieht mehr. Vor fünfhundertfünfzehn Jahren passierte der namensgebende Seefahrer diese Straße und vor siebzig Jahren versenkte ein deutsches U-Boot 136 Zivilisten innerhalb von fünf Minuten. Natürlich gibt es immer den großen Zusammenhang. Und auch deshalb ist das Meer immer anders.


18.6.

Zwei Stunden, nämlich bis zwei Uhr, habe ich in die gläserne Kugel geschaut. Das illuminierte Halbrund überzog sich mit winzigen Tauperlen. Kompasskurs 110°, das sind auf Grund der deutlichen Missweisung 87° auf der Karte.

Zwischendurch hänge ich den passenden Stern in die Saling und passe auf, dass er da bleibt. Er zeigt mir, wo's lang geht. Plötzlich ziehen sechs pulsierende Lichter von Backbord den Himmel hinauf. Es mutet an wie ein stilles Feuerwerk. Es sind die Flieger aus der alten Welt. Frankreich, Spanien, von Daheim? Als der erste den Zenit erreicht, zieht eine Schnuppe rechtwinklig zur Flugbahn einen Strich über den Himmel. Es ist, als würde der liebe Gott von der anderen Seite mit einem Fingernagel über das Dunkel kratzen. Ich bin voll Ehrfurcht. Zwei weitere Sternschnuppen werden mir noch Wünsche erfüllen. Welche, verrate ich nicht. Dann beginnt es sich zu zuziehen. Zuletzt sehe ich noch die Venus ziemlich im Norden aufgehen. Sie hat heute also keinen weiten Weg. Und es fängt an zu grauen.

Sechs Stunden später. Richtig Tag wird es heute nicht. Neufundländisches Sommerwetter. Von Hagel und Sturm bleibt man verschont. Von Sonne auch. Wir laufen lange schon wieder unter Maschine. Das Segel hängt pro forma oder in Hoffnung schlaff am Mast. Hin und wieder eine Möwe, die nicht schreit, da sie keine Selbstgespräche führen möchte.

Immer und immer, träge, fast gleichförmig, doch nicht so stur wie der Sekundenzeiger einer Uhr, viel phlegmatischer, fast launisch, wälzt sich die Dünung heran, quecksilbern, lässt das Boot schaukeln, nein, wiegt es, dass jedes Kind schlafen muss.

Ein Ereignis! Ich sehe drei Quadratmeter Schleim auf dem Wasser, bizarr hingerotzt und stelle Mutmaßungen an. Jaime teilt gelassen mit, dass er ja die Fluke eines Wals gesehen hätte, eineinhalb Meilen voraus.


19.6.

Die Tage bekomme ich nur noch im Tagebuch auseinandergehalten. In der Wahrnehmung fließen sie ineinander. Über 30 Stunden sind wir schon im Wachrhythmus. Mal begleiten uns Delfine, kurz gaben Wale eine Stippvisite und immer wieder wälzt sich Nebel über uns hinweg.

Mitternacht erreichen wir St. Pierre. Ein Stein im Südostens Neufundlands der zu Europa gehört. Zur "Grande Nation". Mit einem Durchmesser von vier, fünf Meilen behauptet sich hier ein Armeisenhaufen inmitten unendlicher Weite. Sechstausend Franzosen halten hier Außenposten und gebärden sich, als sei das hier ein Vorort von Paris. Très vite, kaum dass ich über die Straße komme, da mittags ein jeder "à la table" fährt.


20.6.

Placentia Bay, mitten drin. Eingepackt in nachtgetränkte Watte. Fünfzehn Meter beträgt der Radius meiner von Positionslichtern beschienenen Welt. Wie in einer Schneekugel. Drinnen. Und wie soll ich wissen, wer auf mich schaut? Mein Blick bleibt stecken im Dunkel. In Europa klingeln jetzt die Wecker. Fledermausartige Nachtvögel stoßen in meinen Lichtkreis und schreien. Wohl eher Wilddruden als Möwen. Kaum habe ich mich an ihre Gegenwart gewöhnt, quirlen helle Schatten um das Boot. Ich spüre die Gegenwart verwandter Wesen. Doch trennt uns die Oberfläche des Wassers. Und plötzlich tauchen, nein springen vier Delfine gleichzeitig aus der Tiefe empor und scheinen das Boot wie eine Quadriga gegen Osten zu ziehen. Ich werde euphorisch.


21.6.

Schaut man auf die Karte, ahnt man, wessen Geist hier herrscht. Wir erreichen das Ziel der Reise. Es braucht siebenhundert Seemeilen, die Reduktion auf eine Hand voll Leute und die Naturgewalten - und Merlin hat wenig Mühe uns zu verzaubern. Da reißt er den Nebel auf und zeigt zwischen zwei Klippen, was wir nicht glauben zu sehen. Einen Zahn aus sechstausendjährigem Eis.

Und Constantin ruft: "Fehlt nur noch ein Wal." Und dieser taucht auf wie gerufen.
Vor Avalon ist jeder Zauber möglich.


St. Peter's


St. Peter's


Saint Pierre